1. Am Anfang war Schwefel

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1. Am Anfang war Schwefel

Beitrag  Vitrea am Mo Nov 10, 2008 3:35 pm

der schwefelgeruch beraubte sie fast ihrer sinne. sie hörte, wie die männer im sägewerk, das nahe dem alten steinbruch lag, ihr tagewerk beendeten. nun würden sie in die taverne gehen und einen schluck des süssen weines kosten, den der weinberg im süden jahr für jahr abgab. sie hörte ihr singen und grölen, hörte, wie sich ihre schritte und stimmen in der dunkelheit entfernten...

auch sie hatte heut schweres tagwerk verrichtet. ein großer anführer der heerscharen hatte sie noch vor tagesanbruch aufgesucht und gefragt, ob sein sohn ihn in den nächsten kampf geleiten solle. schon im morgengrauen, als der nebel sich noch nicht gelichtet hatte, hörte man den Lituus ertönen und sie waren aufgebrochen mit ihren grausigen speeren, schweren schilden und riesigen rammböcken. neue städte und gebiete zu erobern, völker zu versklaven und schätze von unglaublichem wert zu finden... eine schwefelschwade flog ihr entgegen...

der schwefel... der schwefel hatte ihm durch ihren mund geraten, den sohn zu haus zu lassen... der törichte mann hatte nicht auf sie gehört, sondern auf den rat der priester, die es noch nie verstanden hatten, ihre weissagungen richtig zu deuten... sie wusste, dass der schwefel ihrer gesundheit nicht gut tat. oft lag sie regungslos da, zu schwerfällig, zu müde ihre visionen klarer zu formulieren... auch wusste sie, dass ihre worte oft nur in fetzen kamen, zusammenhanglos, wie es schien. die priester nutzten dies natürlich, um den frage- und bittstellern in ihrem sinne zu antworten, diese bestechlichen hunde...

noch bevor die sonne an diesem tag am höchsten stand, hatte der schwefel ihr gesagt, die schlacht und der sohn seien verloren... der schwefel, durch den sie ihre visionen empfing, durch den sie die fremden und irrealen bilder sah, die von einer neuen zeit kündeten, die bald kommen würde...

und wie viel zeit war schon vergangen seit dem morgen?... hätte sie mehr tun können, als zu warnen?... hatte der schwefel gelogen und die schlacht war doch gewonnen?... nein, die rote färbung der steine um die mittagsstunde hatte ihr gewissheit gegeben, dass ihre prophezeihung sich erfüllte. das heer war in einen hinterhalt geraten, kurz vor den mauern der nachbarstadt... zu tausenden waren heute die männer gestorben auf dem schlachtfeld - nicht in fernen regionen der welt und auch nicht ruhmreich... deutlich hatte sie in ihrem kopf das bild gesehen vom sohn des heerführers... drei waren es gewesen, die ihn vom pferde zogen, das einen riesigen pfeil im maule hatte und ihn nicht mehr tragen konnte...

die stimmen der arbeiter drangen aus der fernen taverne zu ihr, über das feuer, welches hinter dem alten schrein brannte, hinweg... schon hatte die musik angefangen zu spielen, denn sie hörte das rhythmische klatschen der hände, die den tanz der jungen frauen begleiteten, sie hörte das spiel der tibia und der lyra... und sie hörte das brechen der wellen an dem nahe gelegenen felsen im osten... es klang, wie ein seltsames murmeln und sprudeln...



der stein, auf dem sie lag, drückte auf ihren rücken. sie richtete sich auf und öffnete die augen. der schwefel formte seltsame schemen in der nacht... eine stimme, klarer als die des schwefels sprach in ihrem kopf... ein murmeln von weit her und dennoch nah, wie ein wispern direkt neben ihrem ohr... der schwefel wirbelte um sie herum, die undeutlichen formen, die er in die luft zeichnete, bildeten nun schärfere konturen... waren es die priester, diese alten böcke, die zurück kamen, um die feuer zu löschen?

die stimme wurde deutlicher, während um sie herum alle anderen geräusche verstummten... deutlicher und deutlicher... sie sah etwas auf sich zu kommen, während die stimme immer und immer wieder die gleichen worte wiederholte... die gestalt eines mannes formte sich aus dem schwefel... die gestalt eines mannes der tot war...!!!

"hic nulla pax... hic nulla pax... hic nulla pax..."

doch nein! seit äonen hatte Dis Pater keinen aus seinen fängen gelassen! ammenmärchen waren das, die erzählten, dass es glückliche gab, die zurück durften, um noch offene rechnungen zu begleichen... und doch kam er aus dem schwefel immer näher auf sie zu, der sohn des heerführers... mit einer handbewegung wischte er den schwefel beiseite, sodass sie nun die klaffende wunde auf seiner brust sehen konnte, die von einem kopís, einem schweren hiebschwert mit konvexer klingenform, stammen musste. deutlich vernahm sie nun seine stimme: "hic nulla pax - es wird keinen frieden geben"...

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